Wer hätte das gedacht: Nach wie vor spielt die klassische Philosophie eine bedeutende Rolle in der Führungsebene und auf der Chefetage. Wer hier gekonnt mitspielen will, zeigt nicht nur Fachkompetenz, sondern beherrscht auch die Klaviatur der Menschenführung. Rhetorische Schulungen bewirken dabei weitaus mehr als reines Sprach- und Präsentationstraining.
Welches Potenzial steckt in den klassisch geführten Rhetorik-Seminaren und wie wirken sie sich auf die Entwicklung von Führungspersönlichkeiten aus? Fiona Amann sprach mit Rudolf Hofmann, Inhaber von HOFMANNSeminare und Referent für Führungskräfte.
Angesichts von Hartz IV steht berufliche Weiterbildung derzeit hoch im Kurs. Das bestätigt auch der Bundesverband für betriebliche Weiterbildung in einer aktuellen Umfrage unter seinen Mitgliedern. Betrachtet man dort die Ergebnisse im Einzelnen, so wird an erster Stelle die Mitarbeiterführung genannt. Dicht gefolgt von den Themen Management und Marketing & Vertrieb. Erst auf der unteren Skala der Beliebtheit befinden sich Betriebswirtschaft, Arbeitsmethodik, Recht und diverse Arbeitsinstrumente.
(Angabe "Bedeutung wird etwas / stark zunehmen" in Prozent; Basis: 46 Institute. Quelle: Bundesverband betriebl. Weiterbildung)
Allem Anschein nach besteht also genau dort Nachholbedarf, wo die rein fachbezogene Wissensvermittlung an Fachakademien, Universitäten oder in der betrieblichen Ausbildung aufhört.
Fiona Amann:
Herr Hofmann, Sie bieten selbst Seminare für Führungskräfte an, wie erklären Sie sich den derzeitigen Ansturm auf das eher weiche Thema Mitarbeiterführung bzw. Persönlichkeitsentwicklung?
Rudolf Hofmann:
Bei der Einstellung neuer Mitarbeiter, achten verantwortungsbewusst handelnde Chefs längst nicht mehr ausschließlich auf das herausragende Fachwissen der Kandidaten. Auch soziale Kompetenz ist gefragt, und diese gilt es, in der täglichen Praxis zu beweisen. Doch genau das gelingt den neu gekürten Führungskräften oft genug nicht. Und was die Sache zusätzlich erschwert: Nur wirklich sensible Mitarbeiter spüren rechtzeitig, dass etwas nicht stimmt. Alle anderen erleben – früher oder später - ein eher unsanftes Erwachen. Und zwar dann, wenn das Gemengelage von schlechter Stimmung, überkochenden Gerüchten, Leistungsdefiziten im Team, erhöhte Fluktuation nicht mehr unter der Decke zu halten ist. Spätestens dann klingeln auch beim Chef die Alarmglocken. Denn an den genannten Indizien zeigt es sich, ob die Führungsposition richtig besetzt worden ist: mit einer fähigen Führungskraft oder doch nur mit einem Vorgesetzten.
Zuhörer langweilen keiner hört mehr zu.
Wo sehen Sie denn einen Unterschied zwischen einer Führungskraft und einem Vorgesetzten?
Es gibt noch immer viele Vorgesetzte, die sich nur über Ihren Rang definieren. Sie haben die Macht und das Team hat zu spuren. Wer sich nicht daran hält, fliegt. Wo sich diese Dinosauriermethode auf Dauer einnistet, müssen demotivierte Mitarbeiter durch ständige kostenintensive Kontrollen „auf Trab“ gehalten werden. Diese Kosten ersparen sich wahre Führungskräfte von vorne herein. Sie motivieren ihr Team auch ohne Druckmittel zu Höchstleistungen. Um es bildlich auszudrücken: „Führen“ verbraucht wesentlich weniger Energie als „Schieben“ und „Ziehen“.
Kommt es am Ende denn nicht nur auf das Endergebnis an?
Im harten Wettbewerb zählen nur die Ergebnisse. Und diese lassen sich durch Führungskompetenz deutlich verbessern. Wenn ein Chef die meiste Zeit nur damit beschäftigt ist, die Arbeitsleistung seiner Mitarbeiter zu kontrollieren oder wenn er Arbeiten selbst erledigt, anstatt zu delegieren, dann bleibt ihm keine Zeit, für seinen eigentlichen Arbeitsbereich. Für selbstständige Unternehmer bedeutet das im Extremfall: Sie sind so eng in das Tagesgeschäft eingebunden, dass sie nichts mehr „unternehmen“. Es bleibt ihnen keine Luft, um langfristige Ziele ins Visier zu nehmen. Und ein Unternehmen, das immer nur im Hier und Jetzt verharrt, scheitert über kurz oder lang und wird von den Mitbewerbern einfach überrollt.
Ob spontane Rede oder Gruppen-Disput - geniessen Sie unbegrenzte Experimentiermöglichkeiten.
Was genau meinen Sie mit „sich selbst ertragen“ und was hat das mit Führungskompetenz zu tun?
Wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeiter verprellen, tun sie das in der Regel nicht gerne, sondern weil ihnen niemand sagt, was ihre gut gemeinten Aktionen in Wirklichkeit anrichten. Die Mitarbeiter scheuen sich, ihrem Vorgesetzten die Wahrheit zu sagen, weil sie ja von ihm abhängig sind. Schließlich entscheidet er über die nächste Gehaltserhöhung oder die nächste zu vergebende Position.
Das besondere Kennzeichen meiner Seminare ist: Hier gibt jeder Teilnehmer der kleinen Gruppe dem anderen ein ungeschminktes Feedback, konstruktiv, nicht verletzend. Videoaufnahmen dienen als objektives Beweismittel. Wer plötzlich erfährt, dass er belehrend, autoritär, arrogant oder wie auch immer wirkt, hört dies im ersten Moment nicht gerne. Dies kann manchmal schmerzlich sein, es bietet jedoch auch die Chance, an ganz konkreten Punkten anzupacken. Und deshalb fangen die Teilnehmer auch an, diesen Schmerz zu ertragen und gestehen sich selbst gegenüber ihre eigenen Unzulänglichkeiten ein. Damit wird eine, alles entscheidende Veränderung hin zum Positiven eingeleitet. Wieder zu Hause, sinkt das Bedürfnis, immer perfekt sein zu müssen und eigene Fehler zu verstecken. Dies führt dazu, dass Distanz aufbauende Verhaltensweisen langsam verschwinden. Die Nähe zu den Mitarbeitern wächst allmählich. Und mit der Nähe entsteht auch wieder das gegenseitige Vertrauen, Schritt für Schritt. Der „Vorgesetzte“ entwickelt sich zur allseits anerkannten Führungspersönlichkeit.
Das sind große Worte. Aber können Sie das auch glaubhaft begründen?
Nein, ich kann das nicht. Aber Seminarteilnehmer, die mir oft erst Wochen oder Monate nach einem Seminar beschreiben, welche positiven Veränderungen sie seither durchlebt haben, bestätigen das. So bemerkte erst vor kurzem ein Teilnehmer: "Das Seminar hat bei mir eine persönliche Veränderung bewirkt, die ich in dieser Intensität von einer solchen Veranstaltung niemals erwartet hätte."
Ist die Gefahr nicht groß, dass ein Teilnehmer zu Hause oder im Betrieb wieder in sein altes Verhaltensmuster zurückfällt?
Wer es einmal gelernt hat, sich selbst zu akzeptieren, verliert diese Fähigkeit so leicht nicht mehr. Er ist nicht mehr so empfindlich gegen Kritik, und kann seine Kritik an Andere konstruktiv formulieren. Er ist nun auch in der Lage, seine Mitarbeiter zu ermutigen, Missstände anzusprechen. Und so nebenbei wirkt sich das natürlich auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen im Alltag aus. Das Seminar hilft somit ganz allgemein, Probleme zu lösen - und das macht das Leben einfach leichter.
Mal angenommen, eine Führungskraft entspricht mit seiner Arbeits- und Führungsmethode, tatsächlich nicht den Erwartungen. Ist so ein Vorgesetzter überhaupt in der Lage, sein Problem zu erkennen? Oder besteht nicht die Gefahr, dass ihm gekündigt wird, ohne dass er auch nur die geringste Ahnung hat, woran er tatsächlich gescheitert ist? Was zugleich bedeutet, dass er auch beim nächsten Arbeitgeber unweigerlich an den gleichen Hürden scheitern wird.
Die Erkenntnis, als Führungskraft nicht gerade zu den Besten zu gehören, ist schmerzlich. Vor allem für jene, die es gewohnt sind, sich mit ihrem Fachwissen zur Spitzenklasse zu wähnen. Schmerz spürt keiner gerne und deshalb wird die Wahrheit verdrängt. Das Problem wird nicht erkannt. Durch anonyme Mitarbeiterbefragungen, in denen das Team sein Herz erleichtern kann, kommt man der Ursache, nämlich der fehlenden Führungskompetenz, auch nicht auf die Schliche. Denn hier urteilen Mitarbeiter höchstens einmal pro Jahr mehr oder weniger pauschal über ihren Chef. Solche Pauschalaussagen sind fast nach Belieben interpretierbar und damit wertlos.
Wenn Mitarbeiterbefragungen sich nicht dazu eignen, Fehler in der Führung zu erkennen und entsprechende Veränderungen einzuleiten, welche Alternativen empfehlen Sie denn?
Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Mit viel Engagement, Zeit und Geld werden Fragen ausgeklügelt oder eingekauft, es werden Ergebnisse analysiert, interpretiert, Pläne werden geschmiedet, was zu verbessern sei, und am Ende bleibt alles beim Alten. Und die Mitarbeiter sind noch frustrierter. Sie sehen die Befragung als Farce, „weil sich sowieso nichts ändert“.
Statt also jedes Jahr zehntausende von Euro für derartig oberflächliche Aktivitäten auszugeben, anstatt wertvolle Mitarbeiterstunden für mehr oder weniger wertlose Ergebnisse zu verschwenden, ist es viel wirkungsvoller, langfristig effektiver und zudem preiswerter in die Führungskräfte zu investieren: Und zwar in eine gezielte Ausbildung, die ihnen hilft, ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Ziel: hin zu einer echten Führungskraft, der Mitarbeiter freiwillig folgen.
Womit wir wieder zur Weiterbildung kommen. Was genau findet in Ihren Seminaren statt? Oder anders gefragt: Wie ist es möglich, in nur drei Tagen einen Dinosaurier in eine moderne Führungspersönlichkeit zu verwandeln.
In drei Tagen ist dies nicht möglich. Wer etwas anderes verspricht, will nur das Beste vom Kunden, nicht für den Kunden. Vor dem Seminar ist sich kaum jemand darüber bewusst, wie er auf andere wirkt und was er dadurch bei anderen bewirkt. Innerhalb von drei Tagen gelingt es mir relativ leicht, die innere Einstellung von Führungskräften zu verändern. Sie fangen plötzlich an, sich selbst zu ertragen, ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen - und auch zu akzeptieren.
Sokrates
Ich komme noch einmal zurück auf die eingangs erwähnte Umfrage. Es fällt auf, dass Rhetorik hier zusammen mit der Arbeitsmethodik genannt wird. In Ihren Seminaren sprechen Sie ebenfalls von Rhetorik. Allerdings scheinbar in einem anderen Zusammenhang. Ist Rhetorik nicht gleich Rhetorik?
Rhetorik bedeutet wörtlich übersetzt die „Kunst des Redens“ oder auch eine „Wissenschaft des Redens“. Je nach Anlass, ob Rede zu einer Feier, ob Ansprache, ob öffentlicher Auftritt vor Medien, ob Rede und Antwort stehen vor einer Aktionärsversammlung, es gibt jeweils unterschiedliche gestalterische rhetorische Mittel, um beim Zuhörer eine gewünschte Wirkung zu erreichen.
Für ihre alltäglichen Aufgaben benötigen die meisten Führungskräfte von den breit gefächerten rhetorischen Techniken nur eine kleine Auswahl. Und nur diese Instrumente, die für ihre Führungsaufgaben wichtig sind, lernen sie in meinen Seminaren. Allen voran der konstruktive Umgang mit sich selbst und den Mitarbeitern. Die entsprechenden, speziell ausgesuchten rhetorischen Übungseinheiten, sind zum Teil schon seit 2500 Jahren erprobt und bewährt. Bereits die alten Philosophen, große Redner wie Cicero oder der Meister des konstruktiven Dialogs, Thomas von Aquin, setzten sie in ihren berühmten Rhetorikschulen zur Persönlichkeitsbildung ein.
Vielen Dank für Ihr Interview, Herr Hofmann
Der Artikel wurde veröffentlicht auf Business-Wissen.de
Fiona Amann
Freie Konzeptions-Texterin, Fachbuchautorin und Studienleiterin
Im Birkig 22
91338 Igensdorf
Ruf. 09126 . 287131
Bis auf weiteres finden Seminare nur noch auf Anfrage von Unternehmen und/oder Veranstaltern statt .
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